Automobilrevue.de

Ungekrönter König
VW Phaeton W12

Automobiler Luxus kam bisher meist aus England oder Süddeutschland. Während Mercedes und BMW schon seit vielen Jahren einen Zwölfzylinder im Programm haben, konterte der Volkswagen-Konzern erst 2001 mit einem eigenen Zwölfer, der jedoch vorerst der Premiumtochter Audi vorbehalten sein sollte. Erst mit den neuen VW-Luxusmodellen Phaeton und Touareg wagte man sich an das spannende Experiment und transferierte den 6.0-Liter W12 in einen Volkswagen und mischte damit die Karten in der Königsklasse völlig neu durch. www.automobilrevue.de berichtet vom automobilen Hochgenuß und begleitete den VW Phaeton W12 über 3.000 Kilometer.

In Zeiten der Diversifizierung ist nichts mehr wie es einmal war. Spätestens seit Einführung der Mercedes A-Klasse versuchen weitgehend alle Herstelle, ihr Modellprogramm systematisch auszuweiten und neue Akzente auch in denjenigen Bereichen zu setzen, die bislang ausschließlich der Konkurrenz vorbehalten waren. Während Mercedes mit der Smart-Familie sowie A-Klasse und BMW mit Mini und dem zukünftigen 1er immer stärker erfolgreich in den Massenmarkt eindringen, versucht umgekehrt die Konkurrenz verstärkt Marktanteile des besonders lukrativen Premiumangebotes zu räubern. Allen voran der Volkswagen-Konzern, der für seine Königsklasse extra eine eigene Fabrik errichtete – die sogenannte
gläserne Manufaktur in Dresden – in der die Luxuslimousine Phaeton montiert wird.

Rund 100.000 Euro sind zu investieren, will man in den Club der Zwölfer aufgenommen werden – mindestens versteht sich, denn im Falle des gut ausgestatteten Testwagens können es auch leicht 120.000 und mehr werden. Wer die Summe einer mittelgroßen Eigentumswohnung in ein Auto investiert gehört zweifellos zu den wenigen Privilegierten, die meist schon alles andere zu ihrem Besitzstand zählen und den Luxus mehr oder weniger locker aus der Portokasse bezahlen können. Vom niederträchtigen Volk der 7er und S-Klasse-Fahrer abgrenzen lautet daher die Devise, doch genau hier liegt beim
VW der Hund begraben. So geht der unscheinbare Phaeton mit VW-Einheits-Look in der automobilen Masse weitgehend unter und wurde gar von einigen offensichtlich nicht fachkundigen Tankwarten mit der Frage „Ist das der neue Passat?“ abgestraft. Charakeristisch sind hingegen die formschönen Heckleuchten sowie die breite C-Säule, die Solidität und Geborgenheit ausstrahlen.

Ausgesprochen edel und luxuriös geht es im großzügigen Innenraum zu. Die verwendeten Materialien sind durchweg sehr hochwertig und umschmeicheln das Auge. Die Kombination aus gediegenem Edelholz, hochglänzendem Chrom-Zierrat und feinem Leder wirkt seriös und glaubwürdig. Auffallend ist die Liebe zum Detail. So kann man die wie von Geisterhand öffnenden Luftaustrittsdüsen fast schon als spektakulär bezeichnen, wenn sich im Klima-Automatik-Modus plötzlich die Holzleisten absenken und somit den Weg für eine kühle Prise freigeben. Praktisch und ebenso formschön sind auch die beiden Getränkedoseneinbuchtungen auf der Mittelkonsole neben dem Automatik-Wählhebel. Bei Nichtgebrauch reicht ein sanfter Fingerdruck und die Öffnung verschließt sich wieder.

Obwohl das Cockpit aufgeräumt wirkt, sind die vielen Schalter und Bedienmöglichkeiten etwas verwirrend und erfordern die Aufmerksamkeit des Fahrers. Insbesondere das Multifunktionslenkrad ist ziemlich überfrachtet und es stellt sich die Frage, ob die Entwickler hier nicht über das Ziel hinausgeschossen sind. So findet sich beispielsweise neben dem in dieser Klasse obligatorischen Tempomaten eine radargestützte Abstandsregelung, mit deren Hilfe eine vorgewählte Distanz zum vorausfahrenden Fahrzeug eingehalten wird. Mit einem kleinen Rädchen am Lenkrad kann der Abstand in Abhängigkeit der momentanen Geschwindigkeit jederzeit verändert werden. In der Praxis erweist sich das System als überaus nützlich und trägt entscheidend zum hohen Fahrkomfort bzw. zur relaxten Fahrweise bei. Während bei einfachen Tempomaten die Geschwindigkeit im Kolonnenverkehr regelmäßig manuell nachjustiert werden muß, erledigt dies das ADR-System von selbst. Lediglich bei stärkeren Bremsmanövern des Vordermanns warnt ein optisches und akustisches Signal den Fahrer und die automatische Geschwindigkeitsregelung schaltet selbsttätig ab. Schon nach kurzer Eingewöhnungsphase möchte man dieses sicherheitsrelevante Feature nicht mehr missen.

Der Testwagen war weiterhin mit einem schlüssellosen Bediensystem ausgestattet, welches das Fahrzeug bereits beim Annähern bis auf wenige Meter entriegelt, während der Schlüssel dabei in der Hosentasche bleiben kann. Ungewohnt ist das Anlassen des Motors, denn dazu ist es nicht mehr notwendig den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Gestartet wird der Motor über einen Start/Stop-Knopf. Prima Sache, allerdings konnte das System unser Vertrauen nur bedingt gewinnen, da wir nie sicher waren, ob der Wagen nach dem Verlassen auch wirklich verschlossen war oder nicht. Will man dies Nachprüfen muß der Schlüssel dem Fahrzeug fernbleiben, um die automatische Entriegelung nicht wieder auszulösen. Ein nett gemeintes Gimmick ist auch das Nachleuchten der Scheinwerfer für eine frei wählbare Zeit, doch auch hier trat bei einigen Kollegen der Testcrew zu anfangs Unsicherheit auf und man wartete zunächst kritisch das Ausschalten der Beleuchtung ab.

Unsicherheit kam auch beim Starten des Motors auf, denn der Zwölfzylinder läuft im Leerlauf fast unmerkbar und absolut vibrationsfrei. Nur der Blick auf den Drehzahlmesser verrät die Präsenz des Sechsliters. Doch spätestens beim beherzten Tritt aufs Gaspedal gleitet der 2,3-Tonner mühelos von dannen. Seine hohen Leistungsreserven stehen dem Phaeton in allen Drehzahlbereichen zur Verfügung und sorgen so für eine entspannte Überlegenheit in allen Situationen. Doch dürfen seine 309 kW/420 PS nicht darüber hinweg täuschen, das die Luxuslimousine insbesondere auf kurvenreichen Gebirgsstraßen nicht an die Fahrdynamik eines selbst niedriger motorisierten Sportwagens heranreicht und dem physikalischen Gesetz der Massenträgheit unterworfen ist.

Gut im Futter steht VW’s Flagschiff auch beim Benzinverbrauch. Obwohl der Testwagen aufgrund seiner Winterbereifung nur bis 210 km/h zugelassen war, erreichten die Verbrauchswerte selbst bei mäßigem Autobahntempo leicht 20 Liter teures Super Plus. Der Blick auf die Tankuhr ist geradezu deprimierend und erfordert regelmäßige Kontrolle. Langstrecken bedürfen so öfter eines Zwangstops und die sind mit jeweils rund 100 Euro gewiß kein billiges Vergnügen. Hier hat Volkswagen die Zeichen der Zeit schlichtweg verkannt. Nervig und in dieser Preisklasse absolut fehl am Platz waren einige Qualitätsmängel wie ein nicht schließender Aschenbecher im Fond, ein zu langsam aufrollender rechter Gurt oder der plötzliche Ausfall der Uhrenbeleuchtung auf dem Armaturenbrett. Bei schlechten Witterungsbedingungen kam es auch regelmäßig zum Ausfall des ADR-Systems, da die Sensoren sehr schmutzempfindlich sind. Sicherlich alles nur Kleinigkeiten doch in dieser Preisklasse umso enttäuschender.

Völlig kritiklos ist hingegen der riesige Innenraum der selbst dann noch im Fond üppige Beinfreiheit bietet, wenn auf den vorderen Fauteuils wahre Sitzriesen Platz genommen haben. Fünf Personen sind im Phaeton außerordentlich bequem untergebracht. Sitzheizungen auf vier Plätzen und Belüftung der vorderen Sessel lassen keine weiteren Wünsche aufkommen. Die vielfachen Verstellmöglichkeiten inklusive einer Massagefunktion sind Rücken- und Bandscheibenfreundlich. Überzeugen konnte auch das Fahrwerk. Selbst fiese Holperpisten ließen den Phaeton nicht aus der Ruhe bringen. Gemeine Querfugen auf Autobahnen meisterte die Luxuslimousine mit Bravour. Nicht unerheblichen Anteil an den hohen Komfort- und Sicherheitsreserven hat das serienmäßige, volltragende Luftfederungsfahrwerk und der Allradantrieb 4MOTION mit Torsendifferential.

Fazit: Mit dem Phaeton beweist der Volkswagen-Konzern einmal mehr seine Kompetenz im Bau hochwertiger Premiumprodukte. Mit dem sagenhaften W12 setzten die Wolfsburger dem Phaeton und sich selbst die Krone auf. Größtes Manko ist sein fehlendes Prestige, ohne das in dieser Klasse nicht viel auszurichten sein wird. Wer auf Image pfeift und statt dessen bevorzugt, Wertigkeit und Luxus im stillen zu genießen, ist mit VW’s Topmodell sehr gut beraten. Einzig die sehr hohen Verbrauchswerte trüben die Bilanz etwas. Doch die Botschaft, die der Phaeton uns allen verkündet, ist klar und deutlich: VW will zukünftig überall Maßstäbe setzen und das lukrative Segment der Luxusklasse nicht mehr kampflos der Konkurrenz überlassen. (dio)

Technische Daten: (Werksangaben)

Motorbauart/Zylinderanzahl

W12-Zylinder

Hubraum [cm3]

5.998

Leistung [kw/PS] bei U/min

309 (420) bei 6.000

Max. Drehmoment [Nm] bei U/min

550 bei 3.000

Antrieb

Allradantrieb

Länge x Breite x Höhe [mm]

5055 x 1.903 x 1.450

Radstand [mm]

2881

Leergewicht / Zuladung [kg]

2.297 / 470

Kofferraum [L]

613

Tankinhalt [L]

90

Höchstgeschwindigkeit [km/h]

250

Beschleunigung 0 - 100 km/h [s]

6,1

Durchschnittsverbrauch [L/100 km]

15,6 Super 98 ROZ

Grundpreis [Euro]

98.600,-


VW bei www.automobilrevue.de:
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Weitere Informationen zu VW finden Sie unter
www.Volkswagen.de

Fotos: A. Setiawan

VW Phaeton W12

VW Phaeton W12

VW Phaeton W12

VW Phaeton W12

VW Phaeton W12

VW Phaeton W12

VW Phaeton W12

VW Phaeton W12

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